Hintergrund: Central Krankenversicherung und Generali Krankenversicherung
Die Central Krankenversicherung AG war viele Jahre einer der größten privaten Krankenversicherer (PKV) in Deutschland. Sie wurde 1913 gegründet und gehörte ab 1998 mehrheitlich zur Generali-Gruppe. Im Jahr 2000 legte Generali ihr eigenes Krankenversicherungsgeschäft mit der Central zusammen, die damit Tochtergesellschaft der Generali Deutschland wurde. 2020 wurde das Unternehmen offiziell in Generali Deutschland Krankenversicherung AG umbenannt, der Sitz zog von Köln nach München. Der Schritt war Teil der „One Company“-Strategie, mit der Generali ihre Marken bündelte. Für Versicherte änderte sich nur der Name, bestehende Verträge blieben gültig.
Boom durch Billigtarife und anschließende Krise
Anfang der 2000er-Jahre setzte die Central auf eine aggressive Wachstumsstrategie mit günstigen Einsteigertarifen für Neukunden. Diese Produkte boten reduzierte Leistungen und sollten junge Selbstständige und preisbewusste Kunden gewinnen. Anfangs mit Erfolg: Die Central wuchs in der Vollversicherung schnell und gewann zwischen 2000 und 2005 rund 90.000 Vollversicherte hinzu. Damals gehörte sie zu den fünf größten PKV-Anbietern. 2009 erzielte die Central das stärkste Neugeschäft ihrer Geschichte und wurde vom Magazin Focus Money als „Beste private Krankenversicherung“ ausgezeichnet.
Die Billigtarif-Strategie erwies sich jedoch als schwere Fehlkalkulation. Die Beiträge waren zu niedrig angesetzt, um die tatsächlichen Kosten zu decken, und die Central musste die Preise in den Folgejahren stark anheben. Ab etwa 2010 kam es zu massiven Beitragserhöhungen, teils um bis zu 50 %. Die Erhöhungen verärgerten die Versicherten, und die Billigtarife wurden als „Kostenfalle“ bekannt. Viele Kunden konnten die Beiträge nicht mehr bezahlen und kündigten. Um 2011 begann eine Kündigungswelle: Jüngere und gesündere Kunden wechselten den Anbieter oder kehrten, wo möglich, in die GKV zurück. Die Central wurde zum Lehrbuchbeispiel für aggressives kurzfristiges Wachstum mit langfristig negativen Folgen.
Verlust an Versicherten: 2005–2025
Die Beitragserhöhungen führten zu einem dramatischen Rückgang der Vollversicherten. Die Zahlen sanken über mehr als ein Jahrzehnt Jahr für Jahr:
- 2005: ca. 400.000 Vollversicherte
- 2010: ca. 509.000 (Höchststand vor der Krise)
- 2011: ca. 494.000
- 2015: ca. 342.000
- 2020: knapp über 300.000
- 2025: ca. 290.000
Zwischen 2010 und 2015 verlor die Central mit Abstand die meisten Kunden im PKV-Markt. Auch nach der Einstellung der Billigtarife 2011 kehrte das Wachstum nicht zurück. Seitdem meldet das Unternehmen durchgehend mehr Abgänge als Zugänge.
Beinahe-Zusammenbruch und Eingreifen der Generali
Der schnelle Rückgang der Versicherten belastete das Unternehmen schwer. Formell ging die Central nicht insolvent, Branchenbeobachter beschrieben die Lage aber als existenziell, erkennbar etwa am Austausch mehrerer Vorstände. 2011 leitete das Management deshalb eine tiefgreifende Neuausrichtung ein: Die Central löste ihren eigenen Vertrieb mit rund 970 gebundenen Vertretern (Stand 2010) auf und übertrug den Vertrieb ausschließlich an die DVAG (Deutsche Vermögensberatung). Außerdem schloss sie unrentable Tarifserien und konzentrierte sich auf hochwertigere Produkte.
Die Generali griff als Muttergesellschaft ein, um die Finanzen zu stabilisieren und die Abläufe zu straffen. Tarifserien mussten geschlossen, radikale Sparmaßnahmen und Umstrukturierungen umgesetzt werden. Als Folge der Krise dominierten ältere Versicherte mit höherem Risiko den verbliebenen Bestand, was den Kostendruck erhöhte. 2020 benannte Generali das Unternehmen nach sich selbst um und legte die angeschlagene Marke Central damit faktisch ab. An der Struktur der Versicherten änderte das nichts.
Langfristige Folgen und strukturelle Probleme
Die Entwicklung der Central bzw. Generali Krankenversicherung zeigt die langfristigen Risiken kurzfristiger Expansionsstrategien in der privaten Krankenversicherung:
- Risikostruktur und Beiträge: Der Verlust junger, gesunder Kunden verschlechterte die Risikomischung, übrig blieben ältere Versicherte mit hohen Leistungsausgaben. Das erhöhte den Druck auf die Beiträge weiter.
- Ruf und Vertrauen: Über Jahre stand die Central für steile Beitragssprünge und unzufriedene Kunden. Dieser Imageschaden machte das Neugeschäft extrem schwer. Die Umbenennung in Generali sollte Abstand zum negativen Image schaffen.
- Schrumpfender Marktanteil: Aus einem einstigen Top-Versicherer wurde ein mittelgroßer Anbieter. Weniger Kunden bedeuten geringere Skaleneffekte und höhere Verwaltungskostenquoten.
- Altverträge und Probleme beim Tarifwechsel: Viele Versicherte versuchten, intern in günstigere Tarife zu wechseln. Die Central wurde dafür kritisiert, solche Wechsel zu erschweren. Diese Altverträge bleiben wegen ihrer hohen Leistungen und der schwierigen Anpassung eine Belastung.
Zusammengefasst geriet die frühere Central Krankenversicherung durch ihre Strategie des schnellen Wachstums in eine schwere strukturelle Krise. Der Verlust von mehr als 200.000 Versicherten, von rund einer halben Million Mitte der 2000er-Jahre auf heute etwa 300.000, ist im deutschen PKV-Markt beispiellos. Zu den langfristigen Folgen gehören ein alternder, teurer Bestand, anhaltender Beitragsdruck und verlorenes Vertrauen. Generali wird Jahrzehnte brauchen, um die existenzielle Krise und den alternden, ungesunden Versichertenbestand zu überwinden. Vor allem der anhaltende Rückgang der Versichertenzahlen erschwert diese Sanierung weiterhin.
Quellen
- Pressemitteilung Generali Deutschland, 2020: Umbenennung der Central Krankenversicherung AG.
- Versicherungsbote, 2020: Aus Central wird Generali Krankenversicherung.
- Versicherungsmagazin, 2011: Central Krankenversicherung beendet Maklergeschäft.
- Focus Money, 2009: Central Krankenversicherung – beste PKV des Jahres.
- Map-Report 2016 / Versicherungsbote: Versichertenentwicklung der PKV-Unternehmen.
- KVoptimal.de, 2017: Central Krankenversicherung – drastischer Versichertenrückgang seit 2010.
- Pfefferminzia, 2024: PKV-Branchenranking – Beitragseinnahmen und Marktanteile 2024.
- Handelsblatt, 2011: Billigtarife stürzen die Central in die Krise.
- Süddeutsche Zeitung, 2012: Central Krankenversicherung: Raus aus der Kostenfalle.
- BaFin-Berichte und Jahresabschlüsse der Central Krankenversicherung, 2005–2019.



